Im Schuljahr 2025/2026 wurde das Projekt Berliner Denkspielplätze erstmals von der Karl Schlecht Stiftung (KSG) gefördert, und wir freuen uns sehr, dass wir die KSG auch für die kommenden drei Jahre als Förderer gewinnen konnten. Frank Henssler, Senior-Referent Bildung der KSG, betreut das Projekt und hat es nun das ganze Schuljahr begleitet. Über seine Erfahrungen und Eindrücke haben wir mit ihm ein Interview geführt:
Herr Henssler, welche Bedeutung hat Philosophie und philosophische Bildung Ihrer Meinung nach für die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern in Deutschland?
Als Stiftung halten wir es für ganz wesentlich, dass Kinder bereits früh lernen, eigenständig zu denken und Inhalte kritisch zu hinterfragen. Wie Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, vielfach betont hat, sollte Schule heute weniger darauf abzielen, die „richtigen“ Antworten zu vermitteln, sondern vielmehr dazu befähigen, die richtigen Fragen zu stellen. Genau hier setzt das Philosophieren mit Kindern an: Es schafft Räume, in denen junge Menschen grundlegende Fragen offen und unvoreingenommen erkunden können. So entwickeln sie wichtige Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken und Kommunikationsfähigkeit. Zugleich stärken sie das Vertrauen in die eigene Perspektive und lernen, mit Ambivalenzen und Unsicherheiten konstruktiv umzugehen – eine Fähigkeit, die in unserer komplexen und krisenhaften Welt wichtiger denn je ist.
Sind denn die Schulen und Lehrkräfte darauf ausreichend vorbereitet?
Nur teilweise. Vielerorts fehlen bislang spezifische Aus- und Fortbildungsangebote zur philosophischen Bildung in der Grundschule. Deshalb sind außerschulische Initiativen und qualitativ hochwertige Fortbildungsformate wie die der Berliner Denkspielplätze eine wichtige Unterstützung für Schulen und Lehrkräfte.
Bildung ist Ländersache – erkennen Sie regionale Unterschiede?
Wenn es um das Philosophieren in der Grundschule geht, sind die Unterschiede in der Tat groß. Während einige Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern Philosophieren mit Kindern oder ein vergleichbares Fach ab der 1. Klasse als Alternative zum Religionsunterricht anbieten, wird es in Hamburg und Nordrhein-Westfalen als Unterrichtsprinzip in andere Fächer wie den Sachunterricht integriert. In Berlin und Baden-Württemberg wiederum gibt es bislang keinen regulären Ethikunterricht in der Grundschule; dennoch gewinnt das Philosophieren mit Kindern auch dort an Bedeutung.
Sie fördern als KSG die Berliner Denkspielplätze, jetzt auch bis 2029. Was gefällt Ihnen besonders an unserem Format?
Was uns an den Berliner Denkspielplätzen begeistert, ist ihr ganzheitlicher Ansatz. Die Kinder philosophieren mit allen Sinnen und erschließen sich über kulturell-ästhetische Ausdrucksformen wie Dichten, Malen, Drucken, Comics zeichnen oder Theaterspielen neue Perspektiven auf die Welt und sich selbst. So wird das Denken mit dem Fühlen verbunden – und genau darin liegt aus unserer Sicht ein äußerst wirksamer Zugang zu Bildung. Gleichzeitig entdecken die Kinder Kulturorte in Berlin, die vielen von ihnen zuvor unbekannt waren, etwa Museen, das Haus für Poesie, das Literaturhaus Berlin, das Jugendkulturzentrum Pumpe oder das Literarische Colloquium Berlin. Von großer Bedeutung ist für uns, dass die Denkspielplätze konsequent an den Fragen der Kinder anknüpfen. Dabei geht es oft um große existenzielle Themen wie: „Was passiert nach dem Tod?“, „Was ist das Nichts?“ oder „Gibt es eine Wiedergeburt?“. Die Kinder erleben, dass ihre Gedanken und Fragen ernst genommen werden und dass es sich lohnt, gemeinsam nach Antworten zu suchen.
Welchen Wert hat die Netzwerkarbeit der Berliner Denkspielplätze in Ihren Augen?
Einen sehr hohen. Der Austausch von Erfahrungen und Wissen mit anderen Grundschulen sowie außerschulischen Organisationen schafft – ganz im Sinne von „miteinander und voneinander lernen“ – Synergien und stärkt auch die Motivation aller Beteiligten in ihrer Arbeit. Zugleich fördert das Netzwerk mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für die philosophische Bildung und verleiht dem Thema so auch mehr bildungspolitisches Gewicht.
Als Senior-Referent Bildung der KSG begleiten Sie in Baden-Württemberg und Berlin viele Projekte. Welche Bedeutung haben denn Netzwerkarbeit und Partnerschaften generell für die Verstetigung außerschulischer Bildungsprojekte?
Angesichts der enormen Herausforderungen im Bildungswesen – von Digitalisierung und Medienkompetenz über Chancengerechtigkeit und Basiskompetenzen bis hin zu Inklusion und Diversität – können tragfähige und innovative Lösungen heute kaum noch von einzelnen Akteuren allein entwickelt werden. Aus meiner Sicht braucht es ein offenes, kooperatives Bildungsverständnis, in dem Schulen, außerschulische Bildungsträger, Schulverwaltung, Kommunen, Unternehmen, Stiftungen etc. gemeinsam Verantwortung übernehmen. Im Sinne eines Bildungs-Ökosystems gewinnen daher Netzwerke zunehmend an Bedeutung. Sie unterstützen nicht nur Schulentwicklungsprozesse, sondern schaffen auch verlässliche Strukturen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern. Werden Projekte von Beginn an in solche Netzwerke eingebettet, steigen die Chancen erheblich, dass erfolgreiche Ansätze langfristig Bestand haben und nachhaltig in den Bildungsalltag integriert werden können.

Ethische Wertebildung, wie sie die Berliner Denkspielplätze zum Ziel haben, ist nur ein Förderschwerpunkt der KSG. Welches sind die anderen und wie sind die Förderschwerpunkte inhaltlich verknüpft?
Als Karl Schlecht Stiftung fördern wir das Thema „Good Leadership“ und die Persönlichkeits- entwicklung junger Menschen. Konkret heißt das für uns, dass wir junge Menschen früh zur Selbstführung und Reflexion befähigen und deren Zukunftskompetenzen stärken wollen. Dazu sind wir in fünf Themenfeldern aktiv. Neben der Ethik sind das Leadership, Entrepreneurship, Kultur und Technik. Als Förderstiftung unterstützen wir damit ein sehr breites Spektrum an über 80 Projekten von der Grundschule über Ausbildung und Studium bis hin zu Young Professionals.
Herr Henssler, vielen Dank für das Interview.
Sehr gerne.
Das Interview führte Mathias Helfert.
Mehr Informationen zur Karl Schlecht Stiftung unter https://www.ksg-stiftung.de



